Die häufigsten Pilze der deutschen Mittelgebirge leicht bestimmen

Rezension










Bild: Buchcover | Die häufigsten Pilze der deutschen Mittelgebirge leicht bestimmen  | Thomas Regnery | Eifelbildverlag 2022

Die häufigsten Pilze der deutschen Mittelgebirge leicht bestimmen

Gestern Nacht plagte mich ein Albtraum. Ich sollte einen Vortrag über die häufigsten Pilze der deutschen Mittelgebirge halten, aber ich fand mein Konzept nicht. So irrte ich durch wilde Orte, fand meine Aufzeichnungen in einem fremden Auto, und am Steuer saß ein grinsender Steinpilz. Die Seiten meines Konzeptes waren allerdings leer, und ich hastete weiter. Mich verfolgten mehrere Spitzkegelige Kahlköpfe, fuchtelten mit Heuschnittgeräten und brüllten: „Bleib stehen du Fransiger Wulstling!“


Dann sah ich ein Licht von weitem,

Und es kam gleich ohne Zweifel,

Hinten aus der fernen Eifel

Eben als es zwölfe schlug.

Und da galt kein Vorbereiten:

Heller ward's mit einem Male

Von einem Buch in Silberschale

Die ein schöner Knabe trug.

(frei nach Goethe)


LEGOLAS aus „Herr der Ringe“ lächelte mich an, legte mir das Buch auf die Brust und sprach: „Nimm dieses für deinen Vortrag, hier steht alles drin, was du brauchst.“ Das Gesicht verschwamm und Legolas verwandelte sich in den Pilzefreund Thomas Regnery. Diese Ähnlichkeit, fast ein Doppelgänger. Ich richtete mich schweißgebadet auf, etwas polterte zu Boden. Es war Regnery`s Buch: Die häufigsten Pilze der deutschen Mittelgebirge leicht bestimmen. Ich hatte am Abend vorher die ersten 125 Seiten in einem Rutsch gelesen und bin dann wohl zufrieden eingeschlummert, denn die dort zu lesenden Informationen vermitteln ein lustvolles Gefühl, verbunden mit dem Drang: „Sofort in die Pilze zu gehen“ und dem aufkommenden Ärger, dass ich noch nicht so ein super Werk verfasst habe. Mein gespeichertes Wissen über Pilze irrt in meinem Kopf herum und kommt erst bei Pilzführungen oder Vorträgen zum verbalen Vorschein, sofern mir aufmerksam zugehört wird. Die geneigten Lesenden merken spätestens jetzt, dass ich hier ein Buch rezensiere, das sich von den üblichen Pilzführern und Bestimmungsbüchern abhebt. Es ist ein Schmöker, den ich vor dem Kaminofen lese, mit einem guten Glas Spätburgunder aus dem Ahrtal oder einem Cabertin aus dem eigenen Weingarten. Schlechte Burgunder Weine gibt es eh nicht im Ahrtal. Oder eben als Bettlektüre. Das Pilzebuch Regnery`s entführt in die Geschichte der Eifel, spannend wie die Subduktionszonen, die die Erdgeschichte prägen und beschreibt die vulkanischen Einflüsse, die der Vulkaneifel den Namen verdankt. Regnery, der auch die Internetseite „Pilz-Tom“ pflegt ist ein wissenschaftlich geerdeter Erzähler. Er lockert den ersten Teil des Buches mit Gedichten und Sentenzen auf und distanziert sich humorvoll vom Fliegenpilz, dem ja immer das Lied von Hoffmann von Fallersleben zugeeignet wird, in dem dieser Pilz als das Männlein gilt, das da im Walde steht, aber doch eine Hagebutte sein soll. Vielleicht hatte der Dichter ja damals etwas Fliegenpilz probiert.

Thomas Regnery räumt mit esoterisch orientierten Vorstellungen von lebensbejahenden Inhaltsstoffen auf, die Pilzen zugeschrieben werden, indem er am Beispiel der Vitamine, die in Pilzen angeblich in Milchstraßenmengen vorhanden sind, analysiert, wie mickrig diese in Pilzen vorhanden sind. Pilze sind im Vergleich zu Gemüsesorten, doch arg unterbelichtet. Dass Pilze so gesund sind, wie häufig propagiert, hält Regnery für stark übertrieben. (Seite 69) Auch zur Radioaktivität und Schwermetallen in Pilzen nimmt er Stellung. (Seite 77ff)

Das Vorgehen bei der Bestimmung von Pilzen, seien sie giftig oder nicht, wird ab Seite 114 erklärt. Nicht als Bestimmungsschlüssel herkömmlicher Art, an dem Pilzesuchanfänger scheitern, sondern als bebildertes Kompendium auf 10 Seiten. Hutformen, Blätter (Lamellen). Leisten (Pfifferling) Röhren, Poren. Sehr übersichtlich! Der Index, ab Seite 270, erleichtert das schnelle Auffinden von Austernseitling bis Zunderschwamm. Und damit wäre ich auch schon bei der Bebilderung. Keine Fotos, sondern gezeichnete Formen der Fruchtkörper in verschiedenen Reifungszuständen. Ähnlich wie in „Pareys Buch der Pilze,“ von Marcel Bon: Ein Klassiker. Und anders als im „BLV Pilzführer für unterwegs“ von Dr. Ewald Gerhardt, auch ein Standardwerk der Pilzkunde, in dem Fotos die Definition von Funden erleichtern sollen. Etwas Kritik meinerseits bezieht sich auf die Formulierung Regnery`s von (giftigen) Doppelgängern. Diese Wortwahl ist brauchbar, für Menschen, die sich hinsichtlich trivialer Pilzarten weiterbilden wollen. Bei fortgeschrittenen Sammelnden besteht inzwischen Einigkeit, dass es entscheidende Merkmale gibt, die, im schlimmsten Fall, über Leben und Tod entscheiden können.

Die Illustrationen in Regnery`s Buch sind sehr gut geeignet für die Planung von individuellen Exkursionen. Sie beschränken sich auf die, für Hausgebrauchssammlern, wichtigen Arten. und ergehen sich nicht in Beschreibung von Winzlingen des Pilzreiches (Funga). Ganz kleine braune und ganz weiße Exemplare bitte nicht aufsammeln, sie sind in aller Regel geschmacklos bis giftig. Es gibt bei den Pilzsachverständigen auch derbere Sprüche. Der Nachname der Schöpferin der Bebilderung , in diesem Buch ist Programm. Hilke Käsebier. Ohne Pilze gäbe es weder Käse noch Bier.

Super Hilke!

Die Entweihung des o.a. Gedichtes von Goethe „Der Schatzsucher“ bitte ich, zu verzeihen. Es passt zu meinem Traum und leitet zu der Frage: Sind wir Pilzliebende nicht auch immer Schatzsucher?

Für den Kauf des Buches gebe ich zwei Empfehlungen. Als Geschenk für sich selbst oder Freunde, die gerne Pilze sammeln möchten, sich aber nicht so richtig trauen. Möglichst sofort! Die Saison läuft ja immer noch auf Hochtouren. Und als Geschenk zum Fest kurz vor Ende Dezember. Man sollte jetzt schon damit anfangen, darauf hinzuweisen, dass es gewünscht wird. Das mindert den Stress von Schenkungswilligen. Der Preis von 24,90 Euronen bewegt sich dabei im Rahmen des Möglichen. Das Buch hat eine beruhigende Wertigkeit auf Dauer.

Und noch ein Lob: Thomas Regnery`s Werk mindert die Restfurcht, die Sammelden bekannt ist, die diese faszinierenden Wesen in die Pfanne schnibbeln und steigert die Resilienz gegenüber Killersätzen in der Küche, wie z.B. :„Bist du auch wirklich sicher?“ Kicher!


Euer

Frank Krajewski

Die häufigsten Pilze der deutschen Mittelgebirge leicht bestimmen

Thomas Regnery | Eifelbildverlag 2022